Frida Ostrova
Cowboys
Meine Gefühle sind Pistolenschüsse, die durch die Nacht hallen. Sie sind da, um zu töten, aber der Schütze zielt schlecht. Da draußen liefern Banditen sich Straßenschlachten, während ich im Bett liege, die Augen geschlossen, als ginge es
mich nichts an. Das ist mein Western, in schwarz-weiß versteht sich, und ich bin ein Cowboy der lässig in die Ferne schaut, obwohl er sich an seinen eigenen Worten verschluckt, die Finger in den Halteringen des Revolvers. Der Cowboy schießt in die Luft und ich höre einen Mann wieder und wieder schreien, der Schall wird von der gegenüberliegenden Hauswand in mein Zimmer zurückgeworfen.
Ich frage mich, wie viele Menschen es wohl gibt, die ihren allerschlimmsten Schmerz an einem gewöhnlichen Dienstag spüren, weil sie sich zum zweiten Mal im gleichen Monat bei der Arbeit krankmelden mussten. Eine bloße Mischung aus Scham, Versagensängsten und Isolation, im schlecht regulierten Nervensystem eines übermüdeten Körpers und schon möchte meine Existenz sich selbst auffressen und das Fühlen verliert den tröstenden Rhythmus von Ursache und Wirkung, das heißt der Erzählung, in die sie gehören. Wenn ich nämlich etwas gelernt habe, dann das die schlimmsten Gefühle erträglich werden, wenn sie Teil von Kausalität und Überschaubarkeit sind. Nein, das klingt zu rational.
Ich meine sie werden erträglich, dann, wenn sie in eine Geschichte eingebettet sind, die das kleine kauzige, unglaublich weiche Wesen in unserem Inneren als wahr erkennen kann. Wenn sich das Schlimme verstehen und dann fühlen und trösten
lässt.
Bevor wir an diesen Punkt kommen, sind es lauter stumme Cowboys, die jederzeit Amok laufen können.
Und nun, aufgemerkt, denn ich möchte zu Protokoll geben, dass ich sehr wohl Referenzen für meinen bösartigen Dienstags-Schmerz habe. Ich bete sie mir mantraartig immer wieder vor, nur um irgendwie, irgendwem zu beweisen, dass ich diesen Schmerz nicht grundlos fühle. Und noch wichtiger als das: dass das nicht ich bin. Dass es bei dem Sich-Selbst-Abstoßen meines Systems um etwas von außen Zugefügtes handelt und nicht um meine eigene Essenz. Denn das passiert in den schlimmsten Momenten: ich unterscheide mich nicht mehr von meinem Fühlen. Das Falsche bin ich, Staub unter den Sohlen des Cowboys.
Und es ist, als könnten alle das sehen, würden mit dem Kopf schütteln und denken: diese Person ist die Ausnahme, die wurde aus Schmerz gemacht, wahrscheinlich ist sie selber schuld.
Nein, da hilft nur mir selbst das Gebet des mir zugefügten Schmerzes aufzusagen: die sexuelle Gewalt, die Krankheiten, die schlechten Erinnerungen, die mein Vater mir weitergegeben hat und seine Wut, alle Rücksichtslosigkeit, alles, was mir vorenthalten [...]