Meryem Freitas do Nascimento
"It has all been said."
Es wurde alles gesagt. Es wurde vermittelt, diskutiert, ausgehalten, geredet, Hände gehalten,geweint und unglaublich viel Intimes geteilt. Es wurden Lippen in aller Öffentlichkeit blutig gesprochen und es wurde im Stillen auf sie eingeschlagen. Uns selbst haben wir beim Schweigen aus Wut immer wieder auf Lippen gebissen. Immer hat es sich so abgewechselt, das Laute, das Leise, die Lippen und das Gesagte und Verschwiegene. Jetzt, mit rotgeschundenen Mündern und vielen lauten und verebbten Stimmen, scheint es, als wäre wirklich alles ausnahmslos gesagt.
In den gesichts- und namenlosen Stätten und Museen liegen die Geschichten der rassifizierten Kolonisierten und Geraubten, Verfolgten und Deportierten und die zum Sterben und Schweigen Verurteilten liegen immer noch da, als würde sie jemand holen kommen. Doch “geholt” worden sind sie schon und zurück gehen sie in Stücken. Geraubt, gemordet, ausgebeutet und entmenschlicht wurden sie und zu Geschichten erklärt, an die man sich kaum erinnern will. Aber ein Mensch kann niemals eine Geschichte werden, wenn nicht von ihnen erzählt wird, als hätten sie ein Leben besessen, als hätten sie gefühlt und gedacht, sich entschieden für und gegen etwas, vielleicht ja sogar dagegen, nur eine von vielen Geschichten zu sein.
Dieser Unterschied sollte groß gemacht werden, denn die Ideen und Handlungen der Täter*innen wurden zum Treibgut für Menschen, die ähnlich dachten, ähnlich redeten und es ähnlich begründeten wie das heute agierende politische Koloss Europa, dass sich selbst in den Köpfen der Menschen als ‘weiß’ verstand und sich als solche weiße Macht festgeschrieben hat. Wenn heute Nationen und Gesellschaften darüber reden, ihr geeintes Europa oder ihr weißes, patriotisches Leben in Gefahr zu sehen, dann reden sie davon, implizit oder ganz offen und explizit, dass sie Europa als Vorstellung bewahren wollen: ein weißes Europa, ein wohlhabendes Europa, dass sich in der Wiege des Rassismus bettet und nicht mehr hinterfragen will, weil nichts an ihnen hinterfragt werden darf, vor allem nicht:
Was dieses westeuropäische Weiß-sein bedeutet, was und für wen dieser Wohlstand ist und auf wessen Gebeine und Schmerz sich Reichtum gegründet hat. Und ich spreche extra vom ‘Gründen’ und nicht von einem ‘Erarbeiten’, denn diejenigen, die ausgebeutet wurden, haben nichts von einem Wohlstand erlebt, den man sich erarbeiten könnte. Sie waren es, die sich tot arbeiten mussten. Solche und alle Worte haben es in sich, denn sie besitzen die Fähigkeit, die Mächteverhältnisse zwischen Arm und Reich, weiß und Schwarz, Männern und allen anderen zu verharmlosen, sie kleinzureden und sie in ihrer Außergewöhnlichkeit gewöhnlich erscheinen zu lassen. So, als wäre es ,,die Geschichte’’, der man die Schuld zuwerfen soll. Dann fickt die Story halt. Fickt allen voran die Helden und Vorväter, die Nationen und Sieger.
Sie bedeuten mir nichts. Denn arm, migrantisch und weiblich gelesen zu sein bedeutet keine Lobby zu haben, immer anzuecken und die Stimme zu erheben und wenige bis keine Zugänge zu allen Ressourcen. Es bedeutet aber nicht, wie weit verbreitete Meinungen behaupten, keine beachtenswerten Ansichten auf das Leben zu haben. Im Gegenteil, wenn dich etwas über alles Mögliche und Unmögliche dieser Welt nachdenken lässt, dann doch ein solches Leben: ein unterdrücktes, marginalisiertes und prekäres Leben in einem reichen, sexistischen und rassistischen Staat.
Ich werde also ein Lied singen von wunderschönen, kritischen, überlebenskämpferischen armen Protagonist*innen, die etwas zu sagen haben, die auf und um Bühnen herum tanzen, die Armen, die man nachts unter der Dusche singen hört, die Arme-Leute-Essen kochen, von Menschen die nach Liebe duften und wärmen können. Ich werde schreiben von dem ‘Frau’- Sein und der himmelschreienden Ungerechtigkeit der Geschlechter und der Ausbeutung der Welt und schreien weil mir schlecht wird und doch nicht zulassen, dass sie sich alles krallen, dass uns Leben gibt.
Und wir werden nicht länger darum bitten, dass sie uns zuhören oder mitsingen sollen. Das Betteln und Feilschen um diese Anerkennung steht uns nicht, wenn wir uns daran gewöhnen wollen, befreit zu sein. Wir danken denjenigen, die bereits vor uns in ihrem kleinen Handlungsspielraum alles gegeben und alles erduldet und überlebt haben. Wir danken den Toten und singen für sie, wir singen mit geborgten und geerbten Stimmen. Wir singen, bis uns der Tod in etwas verwandelt, dass weitaus mehr als nur eine Geschichte in sich trägt, etwas, das nie vergessen wird.
Ja, wir werden leben und entfliehen, wir werden leben und überdauern, während ihr auf die Gräber eurer Vorfahren nur neue Stätten baut. Wir werden leben und euer Erbe anzweifeln. Ohne euch anzuerkennen. Ohne euch für unschuldig zu halten, ohne euch zu entschuldigen, ohne euch entkommen zu lassen.
Fürchtet uns! - die Lebenden”