Mia Rose

THE SOUND OF ONE HAND

flopp-flopp-flopp. F hört unterschwellig ein Geräusch, langsam auf sich zukommen. Sie blickt nicht hin. Sie ist in Gedanken zu sehr bei Chantal und ihrer gemeinsamen Zeit. Sie sieht nicht den näher kommenden Mann. Seit fast drei Jahrzehnten hatte F wieder französischen Boden betreten. Zunächst Lyon, jetzt Paris, wo ihre Geschichte begann. Recht bald hatte sie die Affäre beendet. Was einmal angefangen hat, geht nie zu Ende, hatte Chantal erwidert und aufgelegt.

Anfangs - im Winter `89 - hatte dieser Satz nächtelang an ihrem Gewissen genagt. Sie hatte sich schuldig gefühlt, ohne genau zu wissen warum. Im Laufe der Jahre hatten sich Chantals Worte zu einem freundlichen Begleiter gewandelt. Ein ewiges Jetzt, das seit knapp dreißig Jahren unaufhörlich unter der Oberfläche ihres Bewusstseins fort existierte und sich bisweilen - angeregt durch für sie bestimmte Dinge oder Ereignisse - meldete. So wie jetzt durch den Besuch eines Marché aux Puces an der Banlieue.

F war allein über die Flohmärkte an der Porte de Clignancourt im Pariser Norden gezogen. Vorbei am “Chez Louisette”. Sie war vor dem Lokal stehengeblieben und hatte durch nikotingelbe Scheiben in den leeren Schankraum geblickt. Und wie von selbst hatte sich ein kleiner Film vor ihrem inneren Auge abgespult. Der Raum war voller Menschen. Sie saßen an einem der kleinen, runden Tische und es war so laut, dass sie sich kaum unterhalten konnten. Chantal rauchte ihre filterlose Gauloises durch eine schwarze Zigarettenspitze. Jemand begann Akkordeon zu spielen und eine Frau sang Je suis la longue dame brune que tu attends. Damals, an jenem Tag im “Chez Louisette”, hatte sie Chantal gezeichnet - ohne zu ahnen, was daraus werden würde. Seitdem hängt das signierte Porträt mit der eleganten Zigarettenspitze über jedem ihrer Schreibtische, als einziges Zeugnis ihrer Begegnung. Jetzt sieht sie die gerahmte Bleistiftzeichnung klar vor sich und erinnert weitere Ereignisse. Kurz. Intensiv. Unvergessen. Wie sie zusammen am 7. Oktober `89 in Ost-Berlin auf dem Alexanderplatz mit tausenden Menschen friedlich demonstrierten. Während die greise Staats- und Parteiführung im Palast der Republik den 40. Jahrestag der DDR-Gründung feierten, forderten sie zusammen mit dem Volk demokratische Reformen. Sie hatte sich so frei wie nie zuvor gefühlt. Die massive Polizeigewalt an diesem Tag bekamen sie nicht mit. Vielleicht weil sie vorzeitig in die Wohnung von Robert Havemann am Frankfurter Tor gegangen waren. Vielleicht hatten sie nur Glück gehabt. Oder Wochen zuvor, wie sie in einem offenen Jeep durch eine Pariser Sommernacht fuhren. Sie saßen nebeneinander auf der Rückbank, der warme Abendwind zerzauste ihre Haare, über ihnen ein sternenklarer Himmel und in ihnen erklang, wie auf persönlichen Wunsch, die Ballad of Lucy Jordan. Marianne Faithfull schien ihr in dieser Nacht direkt aus der Seele zu singen: At the age of thirty-seven she realised she'd never ride through Paris in a sports car with the warm wind in her hair.

F war so verliebt. Sie wollte unbedingt Französisch lernen und nach Paris ziehen. In derselben Stadt leben. Am Ende hatte sie gekniffen. Sie beendete ihre Affäre am Telefon, blieb in West-Berlin, studierte weiter und erlebte lediglich hautnah die Maueröffnung.

flopp-flopp-flopp. Das Geräusch kommt näher. Und jetzt blickt F auf und sieht einen Mann linker Hand auf sie zukommen. Er geht dicht an einem Metallzaun entlang, den ausgestreckten Zeigefinger seiner rechten Hand benutzend, wie Kinder einen Stock zum Entlang-Rattern am Zaun.

Flopp-Flopp... Als sich ihre Blicke treffen, hört der Mann auf. Er steckt hastig beide Hände in seine Hosentaschen und geht stumm an ihr vorbei. F bleibt stehen und überlegt, woran sie dieses Geräusch erinnert. Sie berührt das kalte Metall des Zaunes mit ihrer linken Hand. Und dann erinnert sie sich. Ein Zen-Kôan: What is the sound of one hand clapping? Ein Geschenk ihrer Therapeutin. Lange hatte F an einer rationalen Lösung dieses arationalen Rätsels geknabbert, bis sie eines Tages weltverloren die ausgestreckten Finger der linken Hand auf ihren Handballen schnellen ließ.

flopp-flopp-flopp. Sie hatte eine Antwort in dieser Welt gefunden. Ein leises und zartes Geräusch. Sehr viel hatte ihr dieser Geistesblitz allerdings nicht geholfen. Sie blieb weiterhin eine versehrte Frau mit einer leeren Vulva. Sie hatte alles verloren bei ihrer genitalangleichenden Operation. Sie trauerte über eine Zukunft, die sie nie haben würde. Sie musste weiterhin lernen mit einer scheinbar unbeantwortbaren Frage zu leben: What is the sound of one hand clapping?

flopp-flopp-flopp. Nachdenklich geht F weiter. Sie lässt dabei ihren linken Zeigefinger entlang des Zaunes rattern. Sie spürt die Vibration ihrer Bewegung im ganzen Körper bis hinab in ihre Beine und Füße. Schlagartig wird sie wütend. Sie geht schneller.
FLOPP-FLOPP-FLOPP. Sie ist wütend. Wütend auf ihre Ärzte. Wütend auf ihre Therapeutin. Wütend auf die ganze Welt. Zuletzt wütend auf den Mann, der sie mit seinem FLOPP-FLOPP-FLOPP getriggert hatte. Abrupt bleibt F stehen, dreht sich um, rennt dem Mann hinterher, erreicht ihn, haut ihm ihre linke Hand auf seine rechte Schulter, wirbelt ihn damit herum, gibt ihm mit der freien flachen Hand eine schallende Ohrfeige. SLAPP! Eine

fließende Bewegung. Und nochmal. Und noch einmal. Endlich hat sie eine befriedigende Antwort gefunden. The sound of one hand clapping. 

Leipzig/Frankfurt, August 2025

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